Kann das Darmmikrobiom Angst und Depression beeinflussen?

Tarmflorans koppling till ångest och depression
Inhaltsverzeichnis
    Zusammenfassung

    Darm und Gehirn kommunizieren ständig über die Darm-Hirn-Achse miteinander. Die Forschung zeigt, dass Darmmikrobiom, bakterielle Stoffwechselprodukte, die Funktion der Darmbarriere, Entzündungen und psychisches Wohlbefinden miteinander zusammenhängen können. Die Darmgesundheit kann daher Teil des Gesamtbildes sein – aber nicht das einzige Puzzleteil.

    Forschungen zeigen, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren und dass Veränderungen im Darmmikrobiom mit dem psychischen Wohlbefinden zusammenhängen können. Der Zusammenhang ist jedoch komplex, und das Darmmikrobiom ist nur einer von mehreren Faktoren, die Angst und Depression beeinflussen können.

    In diesem Artikel gehen wir darauf ein, was die Forschung über den Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom, Ernährung, Probiotika und psychischem Wohlbefinden sagt.

    Das Wichtigste in Kürze

    • Darm und Gehirn kommunizieren über die sogenannte Darm-Hirn-Achse.
    • Veränderungen im Darmmikrobiom, auch Dysbiose genannt, insbesondere durch eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms (SIBO), können mit Veränderungen des Immunsystems, Entzündungen und dem psychischen Wohlbefinden zusammenhängen.
    • Studien haben untersucht, ob Probiotika und Veränderungen der Ernährung Angstsymptome beeinflussen können.
    • Ernährung und Darmgesundheit können Teil des Gesamtbildes sein, ersetzen jedoch keine Behandlung von Angst oder Depression.
    • Eine Analyse des Darmmilieus (SIBO, durchlässiger Darm und von Bakterien im Dünndarm produzierte Risikofaktoren) kann Informationen über das Darmmilieu liefern, aber weder Angst noch Depression diagnostizieren.

    Wie entstand das Interesse am Zusammenhang zwischen Darmmikrobiom und Angst?

    Ein großer Teil der frühen Forschung stammte aus Tierstudien. Mäuse ohne Darmbakterien zeigten unter anderem eine veränderte Stressreaktion und angstähnliches Verhalten. In einigen Studien konnte dieses Verhalten durch die Wiederherstellung des Darmmikrobioms oder durch Probiotika beeinflusst werden.

    Dies weckte das Interesse daran, wie Darmbakterien mit dem Gehirn kommunizieren können. Die Forschung wurde anschließend auf Studien am Menschen ausgeweitet.

    Wie kann das Darmmikrobiom das Gehirn beeinflussen?

    Darm und Gehirn kommunizieren in beide Richtungen über das Nervensystem, Hormone, das Immunsystem und von Darmbakterien gebildete Stoffe.

    Ein unausgeglichenes Darmmikrobiom, wie beispielsweise bei SIBO, kann mit veränderten Entzündungssignalen zusammenhängen. Diese Signale können die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn beeinflussen. Dies ist ein Teil dessen, was allgemein als Darm-Hirn-Achse bezeichnet wird.

    Forschende untersuchen außerdem, wie Zytokine – entzündungsfördernde Botenstoffe des Immunsystems – die Neurochemie des Gehirns beeinflussen können. Dies könnte einer der Mechanismen sein, die den Zusammenhang zwischen Entzündung, Darmgesundheit und psychischem Wohlbefinden erklären.

    Was hat Entzündung mit Darmmikrobiom und psychischem Wohlbefinden zu tun?

    Ein unausgeglichenes Darmmikrobiom kann mit einer niedriggradigen Entzündung verbunden sein. Bei einer Entzündung setzt das Immunsystem Botenstoffe frei, die als Zytokine bezeichnet werden.

    Diese Signale können die Kommunikation zwischen Immunsystem, Darm und Gehirn beeinflussen. Daher untersuchen Forschende, ob entzündliche Prozesse eine Rolle dabei spielen könnten, warum Angst und Depression bei Menschen mit bestimmten chronischen Magen-Darm-Erkrankungen häufiger auftreten.

    Studien haben unter anderem berichtet, dass mehr als die Hälfte der Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gleichzeitig unter Angst oder Depression leiden kann. Ähnliche Zusammenhänge wurden auch bei IBS beobachtet.

    Das bedeutet nicht, dass Entzündungen oder Darmprobleme allein Angst oder Depression verursachen. Es zeigt vielmehr das komplexe Zusammenspiel zwischen Darm, Immunsystem und Gehirn.

    Können IBS, Stress und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen?

    Darm und Gehirn beeinflussen sich gegenseitig. Das bedeutet, dass psychischer Stress die Funktion des Magen-Darm-Trakts beeinflussen kann, während lang anhaltende Verdauungsbeschwerden auch das psychische Wohlbefinden beeinflussen können.

    Angst und Depression treten außerdem häufiger bei Menschen mit bestimmten chronischen Magen-Darm-Erkrankungen wie IBS auf.

    Die aktuelle Forschung untersucht daher auch, ob Erkenntnisse über die Darm-Hirn-Achse und das Darmmikrobiom zu neuen Möglichkeiten beitragen können, chronische Magen-Darm-Erkrankungen besser zu verstehen und zu begleiten, die häufig gemeinsam mit Angst und Depression auftreten.

    Wie kann der Darm zu Angst und Depression beitragen?

    Daher kann es sinnvoll sein, die Darm-Hirn-Achse genauer zu betrachten.

    Angst und Depression werden traditionell als Erkrankungen betrachtet, die vor allem das Gehirn betreffen. In den vergangenen Jahren hat die Forschung jedoch gezeigt, dass die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn – die sogenannte Darm-Hirn-Achse – Teil eines wesentlich größeren biologischen Zusammenspiels sein kann.

    Darmbakterien, die Funktion der Darmbarriere, das Immunsystem und verschiedene mikrobielle Stoffwechselprodukte können die Signalübertragung zwischen Darm und Gehirn beeinflussen. Gleichzeitig können Stress und psychische Belastungen die Darmbewegungen, die Barrierefunktion und das mikrobielle Milieu beeinflussen. Der Zusammenhang verläuft also wahrscheinlich in beide Richtungen.

    Das bedeutet nicht, dass Angst oder Depression durch den Darm verursacht werden. Bei manchen Menschen kann es jedoch sinnvoll sein zu untersuchen, ob Störungen des Darmmilieus parallel zu diesen Beschwerden bestehen und möglicherweise dazu beitragen.

    Das Darmmikrobiom und Depression

    Mehrere große Studien haben Zusammenhänge zwischen der mikrobiellen Zusammensetzung des Darms und Depressionen gefunden.

    In einer in Nature Communications veröffentlichten Studie wurden mehrere Bakteriengruppen im Darmmikrobiom identifiziert, die mit depressiven Symptomen in Verbindung standen. Mehrere dieser Bakterien sind an biologischen Prozessen beteiligt, die unter anderem mit Glutamat, GABA, Serotonin und kurzkettigen Fettsäuren zusammenhängen. (Nature)1*

    Eine weitere Studie mit mehr als 7.000 Teilnehmenden fand Unterschiede sowohl bei den Bakterienarten als auch bei den mikrobiellen Funktionen von Menschen mit Depressionen und Angstzuständen. Unter anderem wurden Zusammenhänge mit mikrobiellen Funktionen im Zusammenhang mit dem Tryptophan- und Glutamatstoffwechsel beobachtet. (PubMed)2*

    Es ist wichtig zu betonen, dass solche Studien vor allem Zusammenhänge zeigen. Sie beweisen nicht, dass Veränderungen des Mikrobioms Depressionen verursachen.

    SIBO – wenn sich Bakterien am falschen Ort befinden

    Ein Aspekt, der in der Forschung zur Darm-Hirn-Achse zunehmend Aufmerksamkeit erhält, ist die Anzahl der Bakterien im Dünndarm.

    SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) bezeichnet ein vermehrtes Vorkommen von Bakterien im Dünndarm und wird häufig mit Stress in Verbindung gebracht. Bei SIBO können Bakterien Nahrungsbestandteile im Dünndarm abbauen und neben Gasen auch mikrobielle Stoffwechselprodukte bilden. Dies kann unter anderem zu Blähungen, einem empfindlichen oder schmerzenden Bauch sowie Durchfall oder Verstopfung beitragen.

    Ein großer Teil der Forschung zum Mikrobiom und zur psychischen Gesundheit basiert auf Stuhlproben. Diese spiegeln vor allem das bakterielle Milieu des Dickdarms wider. Der Dünndarm ist dagegen der Bereich des Magen-Darm-Trakts, in dem ein großer Teil der Nährstoffaufnahme stattfindet. Wenn Mikroorganismen (Bakterien und Pilze) in engem Kontakt mit dem Darminhalt stehen, können sie die Nährstoffe aus der Nahrung nutzen, sich vermehren und Stoffwechselprodukte bilden, die nicht nur die Darmschleimhaut und das Immunsystem reizen können, sondern über das Blut auch das Gehirn beeinflussen können.

    Die Untersuchung von Anzeichen einer mikrobiellen Überwucherung oder einer veränderten bakteriellen Aktivität im Dünndarm kann daher zusätzliche Informationen über das Darmmilieu liefern.

    Durchlässiger Darm – wenn sich die Darmbarriere verändert

    Die Schleimhaut des Dünndarms bildet eine komplexe Barriere zwischen dem Darminhalt und dem restlichen Körper. Normalerweise wird genau reguliert, welche Stoffe diese Barriere passieren dürfen.

    Bei SIBO wird häufig eine erhöhte intestinale Permeabilität (umgangssprachlich manchmal als durchlässiger Darm bezeichnet) beobachtet, und die Barrierefunktion kann verändert sein.

    Dies ist insbesondere für die Forschung zur Darm-Hirn-Achse interessant, da der Durchtritt bakterieller Bestandteile durch eine durchlässige Dünndarmschleimhaut das Immunsystem beeinflussen und zu einer niedriggradigen systemischen Entzündung beitragen kann. Entzündungssignale können wiederum unter anderem über den Blutkreislauf, das Immunsystem und das Nervensystem mit dem Gehirn kommunizieren.

    Die Forschung hat Zusammenhänge zwischen verschiedenen Markern der intestinalen Barrierefunktion und Depressionen berichtet. Die Ergebnisse reichen jedoch noch nicht aus, um diese Marker zur Diagnose psychischer Erkrankungen einzusetzen. Sie unterstützen jedoch die Hypothese, dass die Darmbarriere eine von mehreren Verbindungen zwischen Darm und Gehirn sein könnte.

    TMAO – ein Beispiel für die Kommunikation zwischen Mikrobiom und Körper

    Darmbakterien produzieren eine große Anzahl von Stoffen, die vom Körper aufgenommen werden können.

    Ein solcher Stoff ist Trimethylamin (TMA), das Bakterien aus bestimmten Nährstoffen bilden können. TMA wird anschließend in der Leber zu Trimethylamin-N-oxid (TMAO) umgewandelt.

    TMAO wurde vor allem im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechsel und Entzündungen untersucht. Die Forschung hat jedoch auch Zusammenhänge zwischen TMAO und psychischer Gesundheit untersucht. (OUP Academic)3*

    In einer Humanstudie wurde beispielsweise ein Zusammenhang zwischen TMAO-Konzentrationen und depressiven Symptomen beobachtet. Eine andere Studie fand veränderte TMAO-Werte bei Menschen mit Angststörungen. Die Ergebnisse sind nicht eindeutig. Dies unterstreicht, dass TMAO nicht als eigenständiger Marker für Depression oder Angst betrachtet werden sollte. (PubMed Central (PMC))4*

    TMAO ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Stoffwechselprodukte von Darmbakterien unser Wohlbefinden beeinflussen können.

    Drei Perspektiven auf die Darm-Hirn-Achse

    Eine kombinierte Analyse kann daher Informationen aus drei verschiedenen biologischen Ebenen liefern:

    SIBO – mikrobielle Aktivität im Dünndarm
    Liefert Informationen über Anzeichen einer erhöhten bakteriellen Aktivität im Dünndarm.

    Durchlässiger Darm – Funktion der Darmbarriere
    Liefert Informationen über Anzeichen einer erhöhten intestinalen Permeabilität.

    TMAO – mikrobielle und metabolische Aktivität
    Liefert Informationen über einen von Darmbakterien gebildeten Stoffwechselmetaboliten und dessen Einfluss auf den restlichen Körper.

    Zusammen können diese Parameter eine umfassendere Perspektive auf die Darm-Hirn-Achse ermöglichen.

    Eine ergänzende Untersuchung – kein Ersatz

    Angst und Depression sind komplexe Zustände, die durch genetische, psychologische, soziale und biologische Faktoren beeinflusst werden können. Die Abklärung und Behandlung psychischer Erkrankungen sollte daher, wenn medizinisch angezeigt, im Rahmen der regulären Gesundheitsversorgung erfolgen.

    Eine Analyse von SIBO, intestinaler Permeabilität und TMAO sollte nicht zur Diagnose von Angst oder Depression verwendet werden und kann nicht feststellen, ob psychische Symptome durch den Darm verursacht werden.

    Die Analyse kann jedoch als ergänzende Perspektive für Menschen dienen, die ihre Darmgesundheit untersuchen und Informationen über biologische Faktoren erhalten möchten, die von der Forschung heute mit der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn in Verbindung gebracht werden.

    Ein schnell wachsendes Forschungsgebiet

    Die Darm-Hirn-Achse ist noch ein relativ junges Forschungsgebiet. Gleichzeitig haben große Humanstudien deutliche Zusammenhänge zwischen dem Darmmikrobiom und depressiven beziehungsweise angstbezogenen Symptomen gezeigt. (PubMed)2*

    Der nächste wichtige Schritt besteht darin zu verstehen, welche Veränderungen Ursachen und welche Folgen sind und welche davon beispielsweise durch eine Unterstützung des Darmmikrobioms oder durch Veränderungen des Lebensstils beeinflusst werden können.

    Deshalb sehen wir die Analyse der mikrobiellen Aktivität im Darm, der Barrierefunktion und mikrobieller Stoffwechselprodukte als eine interessante Ergänzung, wenn es darum geht, das Zusammenspiel zwischen Darmbakterien, Körper und Gehirn besser zu verstehen. (PubMed)5*

    Können Probiotika eine Behandlung ersetzen?

    Nein.

    Ernährung, Probiotika und andere Maßnahmen zur Unterstützung der Darmgesundheit können Teil eines gesunden Lebensstils sein, ersetzen jedoch keine Behandlung von Angst oder Depression. Forschungen haben sogar gezeigt, dass Probiotika bei SIBO die Beschwerden verschlimmern können.

    Wenn Sie unter Angst, Depression oder anderen psychischen Beschwerden leiden oder vermuten, dass dies der Fall ist, sollten Sie sich an eine medizinische Fachperson oder eine Psychologin bzw. einen Psychologen wenden.

    Wissenschaftliche Quellen

    1. Radjabzadeh D, et al. Gut microbiome-wide association study of depressive symptoms. Nature Communications. 2022;13:7128. (Nature)
    2. Brushett S, et al. Gut feelings: the relations between depression, anxiety, psychotropic drugs and the gut microbiome. Gut Microbes. 2023;15:2281360. (PubMed)
    3. Liu X, et al. Trimethylamine-N-Oxide and Precursors as Novel Potential Biomarkers for Anxiety Disorder. Laboratory Medicine. 2022;53:177–183. (OUP Academic)
    4. Meinitzer S, et al. Sex-Specific Associations of Trimethylamine-N-Oxide and Zonulin with Signs of Depression in Carbohydrate Malabsorbers and Nonmalabsorbers. Disease Markers. 2020. (PubMed Central (PMC))
    5. Dilmore AH, et al. Medication use is associated with distinct microbial features in anxiety and depression. Molecular Psychiatry. 2025;30:2545–2557. (PubMed)

    Hinweis: Die Gutfeeling Labs Analyse ist eine Gesundheits- und Lifestyle-Analyse und ist nicht dazu bestimmt, Angst, Depression oder andere Erkrankungen zu diagnostizieren oder zu behandeln. Die Ergebnisse ersetzen keine medizinische oder psychiatrische Beurteilung.

    Verfasst von

    Walter Fischer

    Walter Fischer ist Facharzt für Neurochirurgie und außerordentlicher Professor für Neurowissenschaften an der Universität Lund. Seit 1985 veröffentlicht er wissenschaftliche Artikel, unter anderem in renommierten Fachzeitschriften wie Nature, Nature Medicine, PNAS usw. Viele Jahre lang war er Mitglied der Ethikkommission für medizinische Forschung in Dänemark.

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