Lange Zeit ging man davon aus, dass das Reizdarmsyndrom (IBS) größtenteils psychologischer Natur sei, doch diese Übersichtsarbeit fasst die Erkenntnisse zusammen, dass eine Darmdysbiose – insbesondere eine bakterielle Überbesiedelung des Dünndarms (SIBO) – bei einer Untergruppe von IBS-Patienten eine echte organische Rolle spielt. Diese neue Sichtweise hat direkte klinische Auswirkungen: Sie rechtfertigt die Untersuchung auf SIBO und dessen Behandlung (mit Antibiotika, Probiotika und Ernährungsumstellungen), anstatt das IBS ausschließlich als funktionelle bzw. psychosomatische Störung zu behandeln.
Der Übersichtsartikel befasst sich mit der Physiologie der Darmflora, den Schutzmechanismen, die normalerweise eine SIBO verhindern, den Methoden zur Diagnose einer SIBO (Kultur von Jejunum-Aspiraten, Glukose- und Laktulose-Wasserstoff-Atemtests) sowie der Frage, warum die Prävalenzschätzungen je nach Testmethode und Population so stark variieren (4–78 % bei IBS-Patienten). Es werden Risikofaktoren für SIBO bei IBS-Patienten, die Mikrobiologie der Überbesiedelung, vorgeschlagene Mechanismen, die SIBO mit IBS-Symptomen in Verbindung bringen (Gasbildung, Dekonjugation von Gallensäuren, Immunaktivierung, viszerale Überempfindlichkeit), sowie Behandlungsansätze untersucht – wobei sich Rifaximin als das Antibiotikum der Wahl herauskristallisiert.
Ghoshal UC, Shukla R, Ghoshal U. Small Intestinal Bacterial Overgrowth and Irritable Bowel Syndrome: A Bridge between Functional Organic Dichotomy. Gut Liver. 2017;11(2):196–208.